Vor fast genau 70 Jahren trat unser Grundgesetz auf die Bühne des Weltgeschehens. Im Mai 1949 wurde die Sammlung an Artikeln (“Paragraphen”) rechtskräftig wirksam und innerhalb der Grenzen der Bundesrepublik Deutschlands verbindlich. Und wir feiern dies zu Recht.

Der wohl bekannteste Artikel 1 ist zweifellos der erste: “Die Würde des Menschen ist unantastbar”. Aus der Erfahrung der eigenen Historie beriefen sich unsere Gründerväter bewußt auf die Wurzeln unserer Gesellschaft. Das christlich-jüdischen Menschenbild ist die Basis aller weiteren Werteableitungen. Anders als in der ehemaligen DDR ist dieser Artikel sehr konkret und durchaus einklagbar.

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Weder die staatliche Gewalt, noch private Personen oder Institutionen haben irgend ein Recht, die Würde anzutasten oder gar zu verletzen. Doch was ist eigentlich diese Würde?

Die Würde – ein Grundstein des menschlichen Seins

Nun kann man die Würde nicht in irgendeiner Weise auf einen Tisch legen, untersuchen und sezieren. Sie ist nicht dinglicher Natur. Ebenso, wie die Seele ist sie nicht mit technischen Mitteln unmittelbar meßbar. Und dennoch ist jeder Mensch im Besitz dieser Würde. Sobald das menschliche Leben begonnen hat zu existieren, ist sie Bestandteil eines jeden Individuums. Unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht oder sonstiger Unterscheidungen ist sie Teil des menschlichen Seins.

Angesichts der Grundvorstellung “Der Mensch wurde ursprünglich als Ebenbild Gottes geschaffen” ist die Würde also dem christlich-jüdischen Gedanken zutiefst verwurzelt. Sie gehört zu jedem Menschen – selbst wenn er keinen persönlichen Bezug zum jüdisch-christlichen Weltbild hat. Und das ist gut so.

Wenn doch nun die Würde so wichtig ist, warum findet sie im Alltag so wenig Gebrauch? Oder benutzen wir nur andere Worte für diese Würde? Könnte man da nicht ebenso gut “Respekt” sagen? Hier prallen im Alltag tatsächlich manche Verwischungen auf. Die Menschenwürde ist ein Wesenszug des Menschen, der von höchster Stelle unverrückbar zugeteilt worden ist. Den Respekt der Mitmenschen kann man verlieren, die Menschenwürde nie. Sie kann verletzt werden, angetastet oder beschädigt werden, doch gehört sie dennoch zum Menschen dazu. Er ist halt ein “Ebenbild” (nach dem “Baumuster” Gottes wesensgleich geschaffen).

Wann bekommt man diese Würde zugewiesen?

Meiner Überzeugung nach beginnt das Menschsein bereits bei der Zeugung. Immerhin kann aus diesem vermeintlichen “Zellhaufen” am Ende doch nur ein Mensch geboren werden. Vorausgesetzt, es geht bei der hochkomplexen Entwicklung alles seinen Gang und der Mensch oder Krankheit manipuliert hier nicht, wird am Ende einer Geburt dieses Menschenskind für die Mutter und den Vater greifbar und endlich sichtbar werden. Es mag seltsam klingen, doch schon dieses kleine Menschlein hat eine Würde – von der es noch garnichts weiß. Vielmehr müssen Vater und Mutter dafür sorgen, daß es sich dessen bewußt wird und den eigenen Wert auch annimmt – und im Zweifel einfordert.

Würde ist ein umstrittenes Gut

Und genau darum steht der Artikel zu Beginn unserer “Verfassung” (Grundgesetz). Es gab in der Menschheitsgeschichte immer wieder Kräfte, die diese Würde beherrschen wollten. Manchen Menschen wurde diese Würde von der Gesellschaft oder gar von staatswegen grundsätzlich aberkannt. Sogenannte Untermenschen, Sklaven und andere Sonderkategorien wurde eingeführt; mit verheerenden Folgen. Dieses darf nie wieder geschehen. Darum ist die Würde unantastbar. Darum müsssen wir ringen, dies ist Grundlage unseres Zusammenseins.

Die Würde als Leuchtturm

Darum sollen wir auch in unseren politischen Entscheidungen – aber auch im politischen Miteinander – uns dieses Leuchtfeuer vor Augen halten. Ohne diese Wegmarken irren wir doch willkürlich und orientierungslos durch die Zeit. Was heute noch gut ist, wird morgen bekämpft. Nur durch das Hochhalten der Grundwerte unseres Miteinanders können und werden wir die Zukunft sicher machen können. Wie könnten uns die Menschen vertrauen, wenn sie uns nicht auf irgend etwas (Meinungen und Einstellungen) “festnageln” könnten.

Die Wächter

Und hier kommt auch der Politik eine wesentliche Augabe zu. Damit es nicht zu Klagen vor den Gerichten kommen muß, hat die Politik in ihrem Ringen um eben diese Menschenwürde Vorbild zu sein und Gesetzesentwürfe auch auf diese Grundlage hin zu prüfen. Dieser Prozeß ist anstrengend, doch gute Dinge brauchen Sorgfalt . Und es lohnt sich, hier tätig zu sein und “Kurs zu halten”.