Was habe ich nicht alles an Artikel über dieses junge Mädchen gelesen? Der eine Schreiber läßt sich aus über ein erkranktes Mädchen, der andere über eine Marionette, die von einem Bündnis von Weltverbesserern instrumentalisiert wird und wieder ein Anderer versteigt sich in wüsten Verschwörungstheorien.

Doch wer ist diese Greta?

Für mich ist sie ein Phänomen. Sie ist der Angelpunkt für unsere Jugend, in der sie ihre Zukunftsängste kanalisiert sieht. Was mich wundert, ist die Tatsache, daß alle Welt darüber erstaunt zu sein scheint. Seitenweise und schon seit Wochen hat die schreibende Zuunft ein Thema, welches in aller Breite ausgetragen und auf Titelseiten ausgeschlachtet werden kann. Dieser Umweltschutz ist aber auch ein wichtiges Thema.

So meine ich , daß über dieses Mädchen genug geschrieben worden ist. Es gäbe nichts Neues zu sagen und würde uns nicht weiter bringen.

Das Vorrecht der Jugend

Bitte tun wir doch nicht so erstaunt. Ist doch in den letzte Jahrzehnten es noch nie anders gewesen, als es auch heute wieder ist. Die Jugend begehrt auf gegen das Establishment. Und der Auslöser ist doch immer die selbstherrliche Vorgehensweise der „Alten“ – genauer gesagt der regierenden alten Männer und Frauen, die vor den Augen der Welt für Dinge kämpften auf eine Art, wie sie der junge und mit Verstand gesegnete Mensch nicht nachvollziehen konnte und kann.

Waren es in den 1950ern und 60ern die Kämpfe der USA, die in etlichen Ländern der Welt Kriege auf fremden Boden kämpften (und dabei stets erfolglos waren), dann weckten sie die Jugend zum Protest auf. Love and Peace war geboren. Die „Stones“ lieferten die Hymne und eine weltweite Musikszene etablierte sich rund um die Hippiebewegung. Junge Leute suchten Antworten und gaben dem Ausdruck durch Kleidung, Musik und Livestyle.

Und diese Trends brachen nie ab. Die Outfits änderten sich, die Methoden änderten sich. Und am Ende wollten junge Menschen mitreden und Antworten auf die großen Fragen des Leben haben. So folgte Kommune 1, die wilden 68er mit ihren Idolen. Manch ein junger Mensch gab sprichwörtlich alles und wurde nachträglich zur Ikone erhoben. Ob Dutschke oder Che, irgend jemand trug irgend ein Banner stellvertretend für eine Bewegung.

Die nachfolgende Jugend fand immer ein Ventil, um sich zu artikulieren. Und so liefen Heerscharen junger Menschen als gestylte Rebellen mehr oder weniger militant durch die Welt und rangen um Aufmerksamkeit.

Und genau darum geht es doch immer. Unsere Kinder wollen bemerkt werden. Sie haben Ideen, Vorstellungen von der Zukunft (mehr oder weniger konkret). Oft wissen sie nur, was sie NICHT wollen. Krieg z.B. ist erwiesenermaßen etwas Schlechtes. Also weg damit. Die Anbetung des blanken Kosums wurde als Tanz und das goldene Kalb enttarnt.

Und auch heute bäumen sie sich auf, weil sie feststellen müssen, wie ein schweizer Konzern rücksichtslos und weltweit das Trinkwasser von den ärmsten Ländern aufkauft, um es gut verpackt an diesselben Menschen teuer zurück zu verkaufen und weltweit zu exportieren. Ein Konzern steht hier stellvertretend für haufenweise geldgeiler und radikal egozenrischer Karrieristen. Menschen sitzen an der Spitze von Konzernen, die tatsächlich denken, Geld wäre die Antwort. Gleichzeitig werden die Meere mit Plastik geflutet und Millionen Menschen flüchten aus ihrer Heimat.

Da muß man doch von der Angst befallen werden

In New York leben zahllose Menschen in Wohnungen, die bezahlen mehr an Nebenkosten pro Monat (Heizung, Srom etc.) für ihre überteuerten 150 qm Appartements, als einfache Menschen mit einem Job im Jahr brutto in derselben Stadt im Jahr verdienen – und diese können sich in derselben Stadt keine Wohnung leisten (trotz Arbeit!).

Die Überraschung

Und heute regt sich „ganz Deutschland“ auf über ein Video eines ansonsten weniger bekannten jungen Mannes mit blauen Haaren. Bislang kannten ihn nur junge Leute von seinen Musikvideos auf der bekannten Onlineplattform. Erfahrene Marketingleute werden kalt überrascht und reagieren hilflos. Überrraschung, die Jugend hat schon wieder jemanden zum Star erhoben. Sie regen sich auf und wollen mitreden. Sie reklamieren auf eine Art, wie es nur die Jugend kann: Leidenschaftlich, total emotional und ohne Rücksicht auf große Zusammenhänge und andere Sichtweisen. Und leider haben sie im Großen und Ganzen sogar Recht.

Vietnam und all die anderen Kriegsschauplätze waren sinnlos und haben zahllose junge Menschen geopfert – für rein garnichts. Die alten Machtmenschen saßen daheim am grünen Tisch und gingen zur Tagesordnung über.

Die Jugend will aber mehr

Und so dürfen wir nie wieder reagieren. Auch unsere Jugend will ernst genommen werden. Es reicht nicht, diese in Jugendorganisationen einzugliedern ins System. Sie wollen ernst genommen werden und sie haben Ideen, die wir alten Menschen zum Teil vergessen haben. Ja, genau. Vergessen. Waren wir nicht auch mal jung? Ich glaube, wir waren diese Rebellen, damals, mit Schlaghosen, Batikhemd, langen Haaren, oder anderen Insignien der Jugendkultur. Rebellion war unser zweiter Vorname.

Wir waren „Greta 1.0“ und wollten die Welt verändern. Wir suchten und wir fanden Wege uns Gehör zu schaffen. Und irgendwann saßen einige von uns als wilde Grünen im Bundestag mit Jeans und Turnschuhen und wollten mitreden.

Doch was ist aus uns geworden?

Jeans und Turnschuhe wichen schnell dem Dienstwagen; Krawatten dem Stirnband und auch manch eine Einstellung überlebte den Alltag nicht. Grüne sprachen sich für den Krieg aus – wär hätte es gedacht? Ist da jemand erwachsen geworden oder hat er „die Werte“ verlassen oder gar verleugnet? Egal.

Wir sollten aus der eigenen Geschichte lernen. Zuhören, wirklich zuhören, und die jungen Menschen ernst nehmen. Ja, denn sie haben noch Ideale. Umgeschliffene und manchmal auch unrealistisch. Doch ist dies nicht das Vorrecht der Jugend? Ein wenig verrückt, Träume habend fragen sie uns nach Antworten. Ist es doch nicht nur ihr Vorrecht, sondern auch Aufgabe, uns unruhig zu machen und aufzuwecken aus dem angepaßten Leben?

Greta mag sein, wie sie ist. Ich will nicht über sie richten und nicht über die, die sie vielleicht lenken. Es wird einfach Zeit, mal wieder den Kontakt zur Jugend herzustellen (und zu halten) und sich zu erinnern. Wir haben nur einen Planeten und der nächste ist sehr weit entfernt, Niemand von uns heute Lebenden wird je eine zweite Erde sehen. Machen wir also aus dieser einen Ort, wo es sich zu leben lohnt. Wir haben einen Garten übergeben bekommen. Machen wir doch keine Müllkippe daraus.

So weit: Danke Greta und danke ihr jungen Leute heute.

Unruhige Zeiten wünscht

Holger Reich